Verhandlungssache

Ein Film von F. Gary Gray

Mit Samuel L. Jackson, Kevin Spacey, Siobhan Fallon, J.T. Walsh u.a.

Christinas Meinung:

Katze

Ein Amokläufer hält ein Gewehr an die Schläfe seiner Tochter, während seine Wohnung von den schwerbewaffneten Männern des Sondereinsatzkommandos belagert wird und vor der Tür ein Verhandlungsführer versucht, die Situation irgendwie zu entschärfen. Vor allem für die amerikanische Öffentlichkeit ist das leider kein unwahrscheinliches Szenario mehr, für Danny Roman (Samuel L. Jackson) ist es nur ein ganz normaler Arbeitstag. Doch plötzlich geht seine Bilderbuchkarriere den Bach runter. Eben ist er noch der Held in den Medien und bei seinen Kollegen, und dann wird plötzlich sein Partner ermordet, und Roman wird nicht nur dieser Mord sondern auch Unterschlagungen im großen Stil aus dem Invaliditätsfonds der Polizei in die Schuhe geschoben. Ganz auf sich gestellt und mit dem Rücken zur Wand sieht er keinen anderen Ausweg, als sich mit einer Handvoll Geiseln im Büro des Mannes zu verschanzen, der die Ermittlungen gegen ihn führt und den er verdächtigt, in den Betrug um den Invaliditätsfonds verwickelt zu sein. Außer Inspector Niebaum (J. T. Walsh in einer seiner letzten Rollen) hält Roman noch dessen Sekretärin, pardon: Assistentin Maggie (Siobhan Fallon), den kleinen Ganoven Rudy (Paul Giamatti) und seinen eigenen Chef Grant Frost (Ron Rifkin) gefangen. Er verlangt, dass sein Name reingewaschen wird, und er kennt jeden Trick, den seine Kollegen draufhaben. Da er nicht weiß, wem er trauen kann, fordert er Chris Sabian (Kevin Spacey) als Verhandlungsführer an, der nicht zu seiner Einheit gehört.

VERHANDLUNGSSACHE wurde als intelligenter Actionfilm beworben, und nach den Besprechungen und Ausschnitten, die ich vorab zu Gesicht bekommen hatte, hatte ich mich schon auf ein spannendes Psychoduell zwischen den beiden Hauptdarstellern gewürzt mit Actioneinlagen gefreut. Aber weit gefehlt.

In Ansätzen war noch zu erkennen, dass das mal eine Geschichte mit einem Anfang, einem soliden Mittelteil und einem furiosen Schluss gewesen sein musste. Leider blieb davon in der Leinwandversion nicht viel übrig. Regisseur Gray standen zwei fabelhafte Hauptdarsteller und eine versierte Riege von Film- und Fernsehveteranen zur Verfügung. Aber er inszeniert die Geschichte platt und ohne Phantasie und schreckt nicht einmal vor einem so ausgelutschten Klischee wie dem Marmorengel auf dem Friedhof zurück. Wenn die Geiselnahme erst einmal begonnen hat, wird der Film immer abstruser, der Zeitrahmen stimmt hinten und vorne nicht, und Gray macht keinen Gebrauch von den talentierten Schauspielern, die er angeheuert hat. Ganz amüsant ist noch, wie Danny Roman seinem Stellvertreter Farley über Telefon eine Lektion im Verhandlungsführen erteilt oder wie er sich in der Art eines Nachtmoderators im Radio an seine Kollegen wendet. Als die Szenen im Film dranwaren, fand ich sie eher mäßig, aber im Rückblick muss man sie wohl als Highlights bezeichnen. Besonders nervig war auch noch Maggie, die schmerzhaft politisch-korrekte Quotenfrau unter den Geiseln.

Gray setzt auf viel fliegendes Glas, bis an die Zähne bewaffnete Typen, die ziellos herumrennen, Explosionen und Männer, die sich anbrüllen. Damit hat er bei mir keinen Blumentopf gewonnen. Es ist nicht einmal ein guter Popcornfilm daraus geworden, da er es auch nicht geschafft hat, die mangelnde Logik durch atemberaubende Spannung und Geschwindigkeit zu übertünchen. Vielleicht hätte er jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt.

Monikas Meinung:

Fußabdruck

Danny Romans (Samuel L. Jackson) Job ist es, bei Geiselnahmen mit den Geiselnehmern zu verhandeln und dafür zu sorgen, daß die Sache möglichst unblutig beendet wird. Er ist die Ruhe in Person und ganz offensichtlich unfähig, auch nur einer Fliege etwas zuleide zu tun. Aber dann wird sein Kollege und Freund unter mysteriösen Umständen erschossen, und er hat das Unglück, als erster bei der Leiche zu sein. So leicht gerät man heute unter Mordverdacht, und Roman hat plötzlich all seine "Freunde" gegen sich. Sollte da vielleicht noch etwas mehr dahinterstecken? Schon seit einer ganzen Weile ist er einer Betrugsaffäre auf der Spur, und so mancher der ehrbaren, geschätzten Kollegen scheint sich auf unredliche Art bereichert zu haben. Roman sieht nicht ein, daß er für einen Mord, den er nicht begangen hat und der mit besagter Affäre in Zusammenhang zu stehen scheint, ins Gefängnis gehen soll. Kurzerhand nimmt er seinen Chef und alle gerade zufällig in dessen Büro Anwesenden als Geiseln, um allen zu zeigen, daß es so nicht geht. Der Geiselnehmerbeschwörer wird selbst zum bösen Buben, ja wer hätte das gedacht...

Es wird immer wieder empfohlen, bei Actionfilmen sein Gehirn an der Kinokasse abzugeben, sich bequem im Sessel zurückzulehnen und den Film ohne weiteres Nachdenken zu genießen. Da ich aber auch diesmal wieder vergeblich nach den Hirnbehältern Ausschau gehalten und keine gefunden habe, mußte ich es notgedrungen mit in den Saal nehmen. Das war ganz offensichtlich ein Fehler. Der als Psychothriller etikettierte Film erwies sich sehr bald als Komödie, allerdings dürfte es kaum im Sinne des Drehbuchautors und des Regisseurs sein, daß dies vom Zuschauer so empfunden wird. Aber vielleicht liegt es auch wieder einmal an meiner seltsamen Auffassung von Humor. Man kann zwar nicht behaupten, daß Verhandlungssache langweilig wäre, aber die unfreiwillige Komik und die Handlungslöcher, die einem hier zugemutet werden, verhindern es letztendlich, daß ein bequemes Zurücklehnen und Genießen möglich ist.

So fragt man sich schon gleich zu Beginn des Geiseldramas, warum der als neutraler Verhandlungspartner herbeigebetene Cop Chris Sabian (Kevin Spacey) nicht schon vom Autotelefon aus versucht, Roman zu beruhigen, da er es ganz offensichtlich nicht schaffen wird, vor Ende des Ultimatums am Schauplatz des Verbrechens zu sein. Dort angekommen, hat er nichts besseres zu tun, als sein Handy aus der Tasche zu ziehen und mit dem Geiselnehmer zu telefonieren. Warum in aller Welt hat er das nicht schon ein paar Minuten früher getan?! Wahrscheinlich war sein Akku zu schwach. Oder er hat vergessen, nach der Nummer zu fragen. Aber nein, das kann nicht sein, denn das hat er auch vor Ort nicht getan.

Eine beliebte Methode, Geiselnehmer weichzukochen, scheint darin zu bestehen, daß man ihnen den Strom abschaltet. Licht aus, Heizung aus, brrh, sie sitzen im Dunkeln und frieren. Schön, solange man den Strom nur abschaltet, funktioniert das gut. Danach kann man ihn bei Bedarf wieder einschalten. Wenn man die Stromkabel kappt, ist es allerdings etwas ungewöhnlich, daß danach sogar der Fernseher wieder läuft. Da waren wohl im Hintergrund die Elektriker am Werk, aber das hat der Zuschauer natürlich nicht gesehen. Interessant ist auch, warum ein Raum, in dem eine wilde Schießerei stattfand, danach noch so aufgeräumt aussieht, als wäre eben die Putzfrau dagewesen. Unter den Computern ist nur ein einziges Opfer zu beklagen - Friede seinen Schaltkreisen -, alles andere ist wie durch ein Wunder heil geblieben. Unter den Computern wird es im weiteren Verlauf noch ein weiteres Opfer geben, und das ist ausgerechnet einer der wenigen Rechner, die jemals in einem Hollywoodfilm zu sehen waren, auf dem ein real existierendes Betriebssystem installiert ist. Der Zuschauer staunt. Soetwas gibt es also doch. Wahrscheinlich hat das sein Schicksal besiegelt, denn einen Rechner mit diesem OS kann man in Hollywood nur erschießen - er macht einfach einen zu realistischen Eindruck.

Zu guter Letzt werden noch die Flurschäden beseitigt und die Opfer abtransportiert. Das war's dann. Ich hoffe, ich werde nie das Vergnügen haben, in einen Kankenwagen verfrachtet zu werden, dessen Personal außer Autofahren nichts kann. Da hilft es auch nichts, wenn ein mir teurer Mensch meine Hand hält - erste Hilfe wäre mir in so einem Falle lieber.

Das kann also passieren, wenn man kein Kino am Ort hat, das an der Kasse über Behälter verfügt, in denen man sein Hirn während des Kinobesuchs deponieren kann. Ich werde sofort welche beantragen.

E-mail
Kommentare? Anregungen?
Schreibt uns:
Monika Hübner
Christina Gross

HomeFilmkritikenBuchkritiken
GastkritikenBewertungsschemaÜber Christina
Über MonikaLinksMonika's Creatures

 

Copyright 1999 Gesehen und Gelesen
Zuletzt geändert: 07. September 2005