SueEin Film von Amos KollekMit Anna Thomson, Tahnee Welch, Tracey Ross, Matthew PowersChristinas Meinung:
Sue (Anna Thomson) ist eine nicht mehr junge Frau, die in New York lebt. Sie hat ihren Job in einer Anwaltskanzlei verloren und ist mit der Miete für ihr Apartment schon drei Monate im Rückstand. Sie ist einsam. Ihre Mutter hat Alzheimer und kann sich nicht mehr an sie erinnern. Freunde hat sie keine. Als sie die Psychologiestudentin Linda (Tracey Ross) und den Schriftsteller Ben (Matthew Powers) kennenlernt und auch wieder einen Job findet, scheint sie sich zu fangen, aber das war nur ein kurzes Aufflackern vor dem endgültigen Aus. SUE ist kein leicht verdaulicher Film. Er deprimiert und wühlt auf, nicht zuletzt wegen der großartigen Leistung von Anna Thomson. Als das Publikum Sue kennenlernt, ist sie eine gepflegte Frau, die gekleidet und zurechtgemacht ist wie Audrey Hepburn in FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY'S. Sie scheint etwas Pech gehabt zu haben, hat ihren Job verloren, wie es heute jedem passieren kann. Sie achtet auf ihr Äußeres und hat für die Außenwelt eine Fassade aufgebaut, die sich in ihren Bewerbungsgesprächen zeigt. Schritt für Schritt offenbart sich dann ihre verzweifelte Situation. Sue sucht Anschluß, aber während sie mit der einen Hand nach den Menschen greift, stößt sie sie mit der anderen wieder von sich. Meist sind es Männer, die nur an ihrem Körper interessiert sind. Sie kann nur durch Sex kommunizieren, wie sie selbst sagt. So vermeidet sie die Gefahr einer tieferen Bindung, die ihrer Erfahrung nach doch nur dazu führt, daß sie verletzt wird. Die kleine Kriminelle Lola (Tahnee Welsh) nistet sich kurz bei ihr ein, aber als sie einen Freier anschleppt, bittet Sue sie zu gehen. Vor der Prostitution scheut sie zurück. Von dem alten Schwarzen Willy, der sie eines Tages im Park anspricht, erhält sie etwas Zuneigung, die so unverbindlich ist, daß sogar sie sie annehmen kann. Eine Wende scheint gekommen, als sie Ben kennenlernt, der Artikel für Magazine von Fluglinien schreibt. Auch er ist eine ihrer Zufallsbekanntschaften. Er ist fasziniert von der spröden, leidenschaftlichen Frau, aber auch frustriert, weil er ihren Panzer aus selbstironischer Distanz nicht durchdringen kann. Der Film macht deutlich, daß nicht nur die Gleichgültigkeit der Menschen in der Großstadt daran Schuld ist, daß Sue nicht geholfen wird. Die Menschen in ihrer Umgebung reagieren mit Gleichgültigkeit, Agression oder hilflosem Unbehagen, wenn sie ihre schlechte Verfassung bemerken, aber ebenso ist sie unfähig, um Hilfe zu bitten oder sie anzunehmen, wenn sie ihr angeboten wird. Wenn sie sehr verzweifelt ist und auch der Alkohol nicht mehr hilft, wendet sie sich an andere. Um Sues aufkeimendes Vertrauen zu erschüttern, genügt aber schon eine relativ kurze Abwesenheit oder wenn man einfach in dem Moment, in dem sie anruft, nicht zu Hause ist. Manchmal möchte man sie nehmen und schütteln. Regisseur Amos Kollek, der auch das Drehbuch geschrieben hat, läßt den Film ruhig auf einen Punkt zulaufen. Sues Passivität, mit der sie die Ereignisse hinnimmt, geben das Tempo des Films an. Als Gegenpol zu der melancholischen Frau fegt Ben wie ein frischer Wind durch den Film, quasi um uns daran zu erinnern, daß es in unseren Händen liegt, was wir aus unserem Leben machen. Aber Sue lebt nicht in Bens Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie kann oder will weder seine Energie noch seinen unerschütterlichen Optimismus aufbringen. Letztlich sind es genau diese Eigenschaften, die sie wieder von ihm wegtreiben, wenn sie ihn am dringendsten brauchen würde. |
Copyright 1999 Christina Gross & Monika Hübner |