KolyaEin Film von Jan SverakMit Zdenek Sverak, Andrej Chalimon u. a.Christinas Meinung:
Der Cellist Frantisek Louka ist ein Playboy, der langsam in die Jahre kommt. Seitdem er wegen "subversiver Bemerkungen" aus dem Staatsorchester geflogen ist (die Handlung beginnt noch vor dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in der CSSR), spielt er nur noch auf Beerdigungen und verdient sich etwas dazu, indem er Grabsteine restauriert. Aus akutem Geldmangel erklärt er sich bereit, mit der Russin Nadeschda gegen Bezahlung eine Scheinehe einzugehen, um ihr die tschechische Staatsbürgerschaft zu verschaffen. Eigentlich sollte er bis zur Scheidung nichts mehr mit seiner Frau zu tun haben, aber sie setzt sich in den Westen ab und lenkt so die Aufmerksamkeit der Polizei auf ihn. Zu allem Überfluß erleidet Loukas Schwiegermutter einen Schlaganfall, und die Sanitäter laden Nadeschdas fünfjährigen Sohn Kolya bei ihm ab. Louka kann mit dem verschreckten Kind, das nicht einmal seine Sprache spricht, nichts anfangen. Seine Mutter weigert sich, den Kleinen bei sich aufzunehmen, da sie die Russen haßt. Also muß er Kolya überall mit hinnehmen, sogar zu den Beerdigungen. Kolya ist fasziniert vom Krematorium. Er zeichnet ständig Särge, die durch eine Tür fahren, und spielt die Szene einmal sogar mit seinem Puppentheater nach. Louka versucht, das Kind den Behörden zu übergeben, aber die sind überlastet und vertrösten ihn. Allmählich fügt sich Kolya in seinen Jungesellenhaushalt ein. Als endlich eine Sozialarbeiterin bei ihm auftaucht und ihm eröffnet, daß Kolya wahrscheinlich in die Sowjetunion abgeschoben wird, setzt er sich auf's Land ab und taucht bei einem Freund unter. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei kommt Nadeschda aus Westdeutschland und holt Kolya wieder zu sich. Jan Sverak hat es geschafft, einen Film zu machen, der weder kitschig noch zwanghaft niedlich ist. Andrej Chalimon als Kolya ist ein absoluter Glücksgriff. Er und Zdenek Sverak spielen wunderbar zusammen. Kolya ist kein altkluges Wunderkind, und Louka wird nicht zum unglaubwürdigen Übervater. 'Kolya' konzentriert sich darauf, die Geschichte seiner beiden Hauptdarsteller zu erzählen, läßt aber auch die aktuellen Ereignisse des Jahres 1989 nicht außer Acht und zeigt dem Zuschauer auf unaufdringliche Weise Details aus dem Alltagsleben in der Tschechoslowakei. Louka fährt mit Kolya und seinem Freund Houdek nach Prag, um mit der Menschenmenge auf dem Wenzelsplatz zu feiern - und trifft dort auf die beiden Polizisten, die ihn nach Nadeschdas Flucht verhört haben. Jetzt schwenken sie tschechische Fahnen wie alle andern. Neben diesen beiden glänzen noch einige andere Nebenfiguren. Louka spannt seine Freundinnen bei der Versorgung von Kolya ein. So liest ihm die Lehrerin Susie am Telefon ein russisches Märchen vor, während ihr Mann nebenan duscht. Die Sängerin Klara hilft ihm, Kolya zu versorgen, als dieser krank wird. Die Liebesszenen mit Klara und Louka sind wunderbar unverkrampft. Herrlich ist auch die Darstellung der verrückten Familie des Totengräbers, der ein Cousin von Loukas Frau ist und ihm die ganze Sache einbrockt. Fazit: Äußerst sehenswert, bitte mehr davon. Monikas Meinung:
"Kolya", der mit dem Oscar und dem Golden Globe für den besten nicht englischsprachigen Film 1996 ausgezeichnet wurde, hat nun auch seinen Weg in die deutschen Kinos gefunden. Frantisek Louka (Zdenek Sverak) ist ein eingefleischter Junggeselle und Schürzenjäger. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Cellist, jedoch nicht mehr in der Staatlichen Philharmonie, die ihn wegen subversiven Verhaltens entlassen hat, sondern nur noch bei Begräbnissen. Er träumt davon, sich endlich ein eigenes Auto leisten zu können, seine bescheidenen Einkünfte reichen für solch einen Luxus jedoch nicht aus. Eines Tages schlägt ihm ein Freund eine Scheinheirat mit einer entfernten russischen Verwandten (Irena Livanova) vor, die die Sowjetunion verlassen will und gern einen tschechischen Paß hätte. Trotz aller Bedenken geht Louka schließlich auf den Handel ein, die Verlockung, seine finanziellen Probleme lösen zu können, ist zu groß. Es kommt, wie es kommen muß: Seine Angetraute setzt sich in den Westen ab und läßt ihren fünfjährigen Sohn Kolya (Andrej Chalimon) bei der Großmutter zurück. Diese erleidet bald darauf einen Schlaganfall, und Kolya steht mit dem Köfferchen in der Hand bei Louka vor der Tür. Die unfreiwillige Vaterschaft überfordert Louka zunächst gewaltig, nach und nach entwickelt sich jedoch eine wunderbare Freundschaft zwischen ihm und Kolya. Es ist schwierig, über "Kolya" etwas zu sagen. Man bekommt selten einen Film zu sehen, an dem es eigentlich nichts auszusetzen gibt, die üblichen Ansatzpunkte für eine Kritik fehlen eigentlich völlig. Jan Sverak ist es gelungen, aus einer Begebung, wie sie das Leben manchmal schreibt, einen wunderbaren Film zu machen. Keinen spannenden Actionthriller mit vielen Explosionen, sondern einen leisen, manchmal melancholischen Streifen, der den Zuschauer mit einer Fülle von Details überrascht und niemals langweilt. Zdenek Sverak, der übrigens der Vater des Regisseurs ist, spielt den alternden Frauenhelden, der mit Kindern absolut nichts anfangen kann, völlig überzeugend. Alles, was ihm mit seinem unerwarteten Familienzuwachs passiert, kann der Zuschauer nachempfinden, auch wenn er selbst noch nicht in einer ähnlichen Situation war. Erschwerend zu der Vater-Sohn-Beziehung kommt hinzu, daß Louka nur tschechisch spricht, Kolya nur russisch. Außerdem sind die Sowjets in der Tschechoslowakei, die sich Ende der 80er Jahre wie alle osteuropäischen Staaten im Aufbruch befindet, nicht sonderlich beliebt. Louka hat also zusätzlich das Problem zu erklären, wie er zu einem russischen Kind kommt. Nach und nach kommen sie sich jedoch langsam näher, obwohl der eine des anderen Sprache nur bruchstückhaft versteht. Die russischen Passagen wurden in der deutschen Fassung im Original belassen und mit Untertiteln versehen, der Charme des Zusammenspiels von zwei slawischen Sprachen geht durch die Synchronisation dabei natürlich verloren. Den kleinen Andrej Chalimon muß man mögen, auch er spielt seine Rolle absolut überzeugend, nie hat man den Eindruck, sein Verhalten sei aufgesetzt. "Kolya" dürfte für jede Altersgruppe etwas zu bieten haben, was man nicht über sehr viele Filme sagen kann. Der bisher beste Film des Jahres, kurz: bezaubernd. |
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Copyright 1997 Christina Gross & Monika Hübner |